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"Eine Betrachtung des Sängerkreises Lüdenscheid" von Werner Heinrich Schönherr

Die Wurzeln des Chorgesangs reichen im märkischen Herzen des Sauerlands bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Souverän hatten unsere sangesfreudigen Vorfahren das böse Wort des Fürsten Metternich über die Gesangvereine: "Halten Sie mir ja dieses Gift aus Deutschland nieder" ignoriert und sich zu musikalischem Tun zusammengeschlossen. Als am 12. September 1862 in Coburg der Deutsche Sängerbund aus der Taufe gehoben wurde, fanden in den Tälern und auf den Höhen beiderseits von Lenne und Volme die chorischen Vorstellungen Karl Friedrich Zelters längst begeisterte Anhänger, feierte der älteste Verein im heutigen Sängerkreis Lüdenscheid, der Männerchor Werdohl von 1847, bereits seinen fünfzehnten Geburtstag.

Ein Blick auf die aktuelle Situation im heimischen Sängerkreis unterstreicht die damalige, anhaltend zügige Entwicklung, denn von den derzeit insgesamt 77 Mitgliedschören wurden weit über die Hälfte noch im neunzehnten oder in den ersten 10 Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts gegründet.

Und auch heute, im Jahr 2003, sind die Ideen des Gründers der Liedertafel alles andere als ein lediglich achtenswertes, aber verstaubtes Kulturgut. Der Chorgesang lebt, ist wesentlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Miteinanders in Städten und Gemeinden, obwohl es an pessimistischen Einschätzungen nie gefehlt hatte. So läutete bereits Anfang der achtziger Jahre des bekannte Musikkritiker Frieder Reinighaus dem "Singen des Gesangvereine und Männerchöre" das Totenglöcklein. Seine Prognose, deren Zukunft liege fast ausschließlich in der Vergangenheit, erwies sich, allen Schwierigkeiten zum Trotz, bisher Gott sei Dank als nicht zutreffend. Und er hätte es besser wissen können, denn schon damals befanden die renommierten Kulturstatistiker Karla Fohrbeck und Andreas Wiesand aufgrund umfangreicher Untersuchungen: "Entgegen manchen Vorurteilen - Chöre schon seit einem Jahrzehnt im Aufwärtstrend."

Auch dafür bietet die jüngste Bestandserhebung im Sängerkreis Lüdenscheid einen bemerkenswerten Anhalt, denn es gibt inzwischen 21 Chöre, die ab 1970 gegründet wurden.

Heinrich FillingDie Geburtsstunde unseres Jubilars, des damaligen Sängerkreises Altena-Lüdenscheid, der sich räumlich über die Gebiete des einstigen Kreises Altena und der kreisfreien Stadt Lüdenscheid erstreckte, schlug 1925, nachdem ein Jahr zuvor der Schalksmühler Sangesfreund Filling bei den Vereinen des Volmetals und der Gemeinde Halver für eine solchen organisatorischen Verband geworben hatte und seine Idee auf fruchtbaren Boden gefallen war. Auch in der Bergstadt, wo vor allem der als einziger dem Westfälischen Sängerbund angehörender Lüdenscheider Männergesangverein großes Interesse zeigte. Dessen nachhaltiges, vorbereitendes Wirken hatte Erfolg. Am 18. Januar 1925 wurde im Saal des Lüdenscheider Konsumvereines der Verband gegründet, dem zunächst fünfundzwanzig Chöre beitraten, die sich gleichzeitig unter das Dach des Westfälischen und des deutschen Sängerbundes begaben. Erster Vorsitzender war Heinrich Filling; das Amt des Kreischorleiters teilten sich die Herrn Walter Lange und Carl Seidemann.

Karl SchulteNoch im Gründungsjahr stellte der Sängerkreis seine aus der Gemeinschaft gewonnene Kraft unter beweis. 17 Chöre lieferten bei einem Wertungssingen in der Schützenhalle Proben ihres vorzüglichen Könnens. Diese gemeinsamen Auftritte, in immer wiederKarl Schulte (Vorsitzender zwischen ? und ?) modifizierter Form, sind bis heute ein wesentlicher Bestandteil der musikalischen Arbeit des Verbandes geblieben. In jenen Jahren übrigens ging solchen Ereignissen immer auch eine öffentliche Feier mit Ansprachen und einem Festzug voraus. So auch 1929, als 50 Vereine teilnahmen, 10 große Gruppenchöre in der Schützenhalle sangen und ein Chor von nicht weniger als 1.800 Sängern unter der Leitung von Walter Lange das Publikum zu stürmischen Ovationen hinriss.

Dann aber, in den Folgejahren, kam es zu empfindlichen Einschnitten in die so hoffnungsvoll begonnene Entwicklung. Die wirtschaftliche Depression, die mit viel Druck ausgeübten Versuche der braunen Machthaber, auch das Sängerwesen, wie es hieß, gleichzuschalten und der nazionalsozialistischen Ideologie nützlich zu machen, und schließlich der grauenvolle Zweite Weltkrieg mit seinen schrecklichen Folgen, lastete schwer auf der musikalischen Laienbewegung. Die beliebten Sängerwettstreite durften nicht mehr sein, dafür waren alle Vereine unter der Androhung von Strafen (u.a. Ausschluss aus dem Sängerbund, Verbot öffentlicher Auftritte) verpflichtet, in den Jahren 1936 bis 1938 einmal an einem Wertungssingen teilzunehmen. Singen unter Zwang aber war noch nie eine Sache der Märker gewesen, und so warteten die meisten Vereine bis zum letzten Termin, ehe sie sich mit wenigen Ausnahmen schließlich doch den Juroren stellten.

Ernst Schmidt1945 nahmen, nachdem die Besatzungsmacht ihr Plazet gegeben hatte, die meisten Vereine ihre musikalische Arbeit wieder auf. Und für den Kreisverband, den es offiziell damals gar nicht mehr gab, ging zu diesem Zeitpunkt endgültig der Stern eines Mannes auf, der sich bereits vor dem Krieg als Chorleiter und Sängerfunktionär einen Namen gemacht hatte: Erich Schumacher. Der unermüdliche Vorsitzende des Lüdenscheider Stadtverbandes schuf die Voraussetzungen zur Wiederbegündung des Sängerkreises, die offiziell zum 1. Januar 1947 beschlossen wurde. Als Vorsitzender des seinerzeit in die Bezirke Lüdenscheid, Versetal, Werdohl, Herscheid, Rahmedetal, Altena sowie Obere und Untere Volme gegliederten Verbandes diente er der Sängersache so erfolgreich, dass nicht nur die heimische Chorszene einen gewaltigen Aufschwung nahm, sondern auch der Sängerbund von Nordrhein Westfalen, in dessen Gremien er schnell eine maßgebliche Rolle spielte, seine Qualitäten erkannte und ihn schließlich 1959 zu seinem Präsidenten wählte.

Erich SchumacherZunächst aber hieß es Aufbauarbeit leisten, den Vereinen bei ihrem Neubeginn organisatorische Hilfestellung zu bieten. Und eine ebenso wichtige wie richtige Entscheidung fiel gleich am Anfang. Man widerstand dem Beitrittswerben des von interessierter Seite stark geförderten DAS (Deutscher Allgemeine Sängerbund) und wartete geduldig, bis der Sängerbund NRW und der Deutsche Sängerbund ihre Arbeit wieder aufnahmen. Das Engagement trug Früchte, denn zum Zeitpunkt der Währungsreform am 20. Juni 1948 gingen bereits wieder 2.631 aktive Sängerinnen und Sänger in 60 Vereinen ihrem musikalischen Freizeitvergnügen nach. Die Neuregelung des staatlichen Finanzen hatte allerdings zur Folge, dass der Kassenbestand des Sängerkreises mit genau 27,35 DM bedenklich gegen Null tendierte, ihm aber mit einer einmaligen Umlage von 40 Pfennig pro Mitglied wieder eine gewisse Liquidität verschafft wurde.

Das war auch unbedingt erforderlich, denn die Sängersache nahm einen höchst dynamischen Aufschwung, nicht zuletzt, weil neben die nach wie vor beliebten, aber auch immer wieder umstrittenen Wettstreite jetzt die Leistungssingen der verschiedenen Stufen traten. Der erste Verein, der den Titel Meisterchor des Sängerbundes NRW errang, war 1953 der Lüdenscheider MGV Euphonia unter der Stabführung des nach wie vor amtierenden Kreischorleiters Walter Lange. Danach durfte eine nicht unerhebliche Zahl weiterer Chöre Erfolge auf Kreis-, Bezirks- und Bundesebene erringen.

Horst BengerDie Amtszeit Erich Schumachers, der am Ende für sein unschätzbares Engagement zum Ehrenpräsidenten sowohl des Sängerbundes NRW als auch des Sängerkreises ernannt wurde, war von vielen außergewöhnlichen Ereignissen bestimmt. Dazu zählten auch die großen Sängerbund-Feste, an denen sich der heimische Kreisverband stets mit einem großen Aufgebot aktiver Sänger beteiligte. So gaben Walter Lange und 350 Sänger 1951 beim überwältigendem Stelldichein der deutschen Laienchormusiker in Mainz ein viel beachtetes Platzkonzert. Aus diesem Anlas hatte der Sängerkreis Lüdenscheid übrigens ein eigenes Notenbüchlein mit Silcherliedern herausgegeben, das für stolze 20 Pfennige (!) verkauft wurde. Zum Dortmunder Bundesfest des Sängerbundes NW 1954 reisten mit einem Sonderzug an die 200 Mitwirkende aus dem heimischen Kreis an, die sich nicht nur stolz mit ihren Fahnen im Festzug zeigten, sondern auch durch Konzerte des Lüdenscheider Männerquartetts, des Meisterchores Euphonia und des Lüdenscheider Männergesangvereins von 1855 bestens vertreten sahen.

Als sich im August 1955 in Stuttgart über 100.000 Mitglieder des Deutschen Sängerbundes trafen, auch da waren die märkischen Sänger dabei. "Sauerland, Land der Berge" war der Titel einer Chorfeier, an der 350 Tenöre und Bässe aus 34 Chören von Lenne und Volme teilnahmen und zu der der damalige Lüdenscheider Magistratsrat a.D. Wilhelm Zunke die verbindenden Worte geschrieben hatte. Als die größte musikalische Laienorganisation der Welt 1962 in Essen ihr 15. Bundesfest feierte, da waren von den seinerzeit über 4.000 Aktiven des Kreisverbandes nicht weniger als 950 Sangesschwestern und -brüder dabei, die sich mit ihren Beiträgen an der großen Chorfeier, dem Volksliedersingen auf vielen Plätzen oder an Sonderkonzerten beteiligten. Noch einmal ging es 1965 in die Ruhrmetropole, zur Heerschau der nordrhein-westfälischen Chöre, auch diesmal wieder mit einem bis auf den letzten Platz gefüllten Sonderzug.

Helmut ListringhausAus der stattlichen Zahl von Eigenveranstaltungen des Sängerkreises nach seiner Wiederbegründung sind vor allem das Lüdenscheider Chorfest von 1958 mit einem beeindruckenden Festzug, an dem 107 Vereine teilnahmen, und einem von nicht weniger als 2.000 Aktiven gestalteten Konzert in der Schützenhalle zu nennen. Fünfmal wurde der Sängerkreis mit der organisatorischen Ausrichtung des Bundesleistungssingens, der musikalischen Qualitätsprobe auf höchsten Niveau, betraut. 1958, 1969, 1977 und 1986 strebten Chöre aus ganz Nordrhein Westfalen in der Lüdenscheider Schützenhalle, 1993 in der Meinerzhagener Stadthalle erfolgreich den Meisterchortitel an.

Dass diese besondere Auszeichnung immer wieder auch an heimische Vereinen fiel, lag neben dem unermüdlichen Engagement der Chorleiter und Sänger auch an der ausgezeichneten Grundlagenarbeit, die von Kreischorleiter Walter Lange sowie seinen Nachfolgern Richard Kamp und Friedrich-Wilhelm Figge über ein Dreivierteljahrhundert in seltener Kontinuität geleistet worden ist. Chorleiterseminare, Vizechorleiterschulungen und Stimmbildungsseminare seien hier stellvertretend für viele Aktivitäten genannt.

Peter-Wilhelm UhlmannAktiv und zukunftsorientiert zeigt sich auch der heutige Vorstand um Thorsten Potthoff, der 2002 nach Peter-Wilhelm Uhlmann, Horst Benger und Helmut Listringhaus das Erbe des 1983 aus dem Amt geschiedenen Erich Schumacher übernommen hat. Das Bestreben von Peter-Wilhelm Uhlmann, als Ehrenvorsitzender 2002 aus dem Amt verabschiedet, die Chorarbeit in einer sich wandelnden Welt kultureller Vielfalt zu erhalten und auszubauen, trägt längst Früchte. Ihm und seinen Mitstreitern gelang es seit 1990, die vielfältigen Möglichkeiten der unterschiedlichsten Chöre zu stützen und zu stärken, Mut zu machen zu neuen Wegen, zusammenzuführen, wo einer allein nicht stark genug war für beispielsweise größere Konzerte. Mit dem Kreiskonzert am 20. Februar des Jahres 2000 allerdings sah er sich, wenngleich bei gewandelten musikalischen Inhalten und Ausdrucksformen, in der Tradition seines großen und un-vergessenen Vorgängers.

Thorsten PotthoffThorsten Potthoff blieb es vorbehalten, die drei Sängerkreise im Märkischen Kreis (Hönne-Ruhr, Iserlohn, Lüdenscheid), bei weiterhin bestehender Selbständigkeit, für den Chorverbund Märkischer Kreis zu begeistern, der sich die Aus- und Weiterbildung von Sängerinnen, Sängern und Chorleitern zum Ziel gesetzt hat. Begeistert aufgegriffen wurde die Idee des Landrates Aloys Steppuhn in Zusammenarbeit mit dem Kreiskulturamt, die Märkischen Chortage ins Leben zu rufen. 74 Chöre, der insgesamt 151 Mitgliedschöre, aus dem Märkischen Kreis bewiesen an drei Tagen im Oktober 2002 in der Balver Höhle, welche musikalische Stärken die heimische Laienmusikbewegung aufzuweisen hat. Diese Tage in Balve waren ein erneuter Beweis für die Stärke der selbstgemachten Kultur, ohne die jedes Gemeinwesen ärmer wäre. Mögen daraus dem Chorverbund Märkischer Kreis und dem Sängerkreis Lüdenscheid die Kraft und Begeisterungsfähigkeit für viele weitere Jahre erfolgreichen Wirkens zum Wohle aller singenden und zuhörenden Mitbürger erwachsen.